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Daten verscherbeln – es sind doch nur Daten

Fall 1: Lerndaten

Die Ludwig-Maximilians-Universität und die Technische Universität München dürfen sich seit 5.5.2017 offiziell als „Datenkraken“ bezeichnen. Das bescheinigt ihnen jedenfalls die Jury des „Big Brother Award“.Der Anti-Preis wird von Datenschutzaktivisten seit 17 Jahren an Institutionen und Personen verliehen, die ihrer Ansicht nach besonders leichtfertig mit schutzwürdigen Daten umgehen.

„Diesmal sind mit den beiden Münchner Unis zum ersten Mal zwei Bildungseinrichtungen dabei“, sagt Friedemann Ebelt, der zu den Initiatoren des Preises gehört. Ausgewählt wurden die Hochschulen, weil sie mit dem Online-Kursanbieter Coursera kooperieren und über diesen Dienstleister ihre MOOCs, die „Massive Open Online Courses“, laufen lassen. Münchner Studenten, aber auch Nutzer aus aller Welt können dort beispielsweise Videovorlesungen anschauen und sich dafür Leistungspunkte gutschreiben lassen.

Coursera ist Weltmarktführer bei der Herstellung von MOOCs. Der Zugriff auf die aufgezeichneten Veranstaltungen erfolgt meistens kostenlos. Die Unis, die Professoren, machen geheime Verträge mit Coursera, da kostet der erste MOOC schon mal 250.00. „Man“ hat soviel Selbstwert oder auch nur Odabei-Wünsche, dass man sich schon auch gern im Umfeld von Stanford und Harvard  verortet, hier hatten sich bei den ganz berühmten MOOCs bis zu 180.000 inskribiert.

Wenn man als Teilnehmer sich den Kurs offiziell bestätigen lassen will, wird eine Bezahlung fällig. Aber darüberhinaus müssen alle Studierenden sich persönlich registrieren, zahlen also mit ihren Daten: In den Verträgen lässt sich Coursera das Recht einräumen, Studierende nach Kursen und Lernerfolgen zu filtern und gezielt anzusprechen.

Wie viel ist das Liefern von kostenlosen Daten wert? Cousera bietet Personalagenturen Daten an, die zuverlässigere und validere Langzeit-Beurteilungen liefern als sie aus durch teure Anzeigekampagnen generierte Bewerbungen mit anschießenden kurzfristigen Assessment-Center zu generieren sind. Da kommt schon was zusammen.

Die Daten der Münchner Studierenden werden auch in die USA geliefert, wo dann z.B. Einreisebehörden Zugriff haben (sofern das im international überwachten Internet wirklich eine Rolle spielt) …

Laudator Frank Rosengart abschließend: Es ist eigentlich schlimm genug, wenn Bildung zum Wirtschaftsgut verkommt, indem öffentlich finanzierte Hochschulen ihr Angebot über kommerzielle Anbieter verbreiten. Falls es keine geeignete europäische Plattform für das Angebot von MOOC gibt, wäre es eine Sache der Unis, eine solche Plattform aufzubauen!“

Aber das wäre ja vermeintlich zusätzliche Arbeit.

Fall 2: Daten vom Autofahren

Jedes fahrende Auto übermittelt Daten,auch über andere fahrende oder stehende Autos, es werden Kennzeichen gelesen, Orte lokalisiert, Geschwindigkeiten registriert. Der Router im Auto beobachtet auch, was die Insassen mit ihren Geräten machen.

Was kann man alles mit diesen anfallenden Daten machen? Die Polizei kann „automatisch“ Übertretungen online erfassen, sie der Versicherung weitergeben, Verkehrssteuerungen und Verkehrsplanungen werden möglich. Verkehrsmessungen sind ein Nebenprodukt. Durch die Vorgabe von Zielen im Navi können Verkehrsströme gelenkt werden – davon profitieren Versicherungen, aber auch die Nutzenden des Systems.

  1. Daten der Regensensoren können an Wetterdienste verkauft werden
  2. Staumeldungen werden weitergeben …
  3. Parkpositionsmeldungen werden verarbeitet
  4. Unterstützung von Fahrzeugrückruf
  5. Unterstützung von Aufladeoptimierung von E-Autos
  6. Assistenz für Car-Sharing
  7. weitere Dienstleistungsangebote ??

Bundeskanzlerin Merkel sagte auf der letzten Cebit: „Aber es ist natürlich wichtig, ob dem Autohersteller die Dinge gehören, oder ob dem Softwarehersteller die Daten gehören.“
Der Fahrzeughalter spielte in ihren Überlegungen keine Rolle.

Vielen Bürgern ist eine kritische Einstellung zum Datenhandel völlig fremd – ein Leserbrief zum Handel mit MOOC-Daten:
„Auch die Gemeinden verscherbeln Daten. Hört auf uns mit so einem Dreck zu langweilen.“ – Hauptsache kostenlos!

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