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Cannabis für Bad Reichenhall

Das hätten wir gerne für unserer Kurstadt erreicht – die Nachricht bezieht sich auf Frankfurt. Wir haben auf die bescheidene Anfrage (s.u.) an alle Stellen, die mit diesem Thema berührt sein könnten, nur eine Reaktion erhalten:

…. Die Positionen haben sich inzwischen auch in Bayern verschoben:

 

Nachdem wir uns wegen des Vorschlags Cannabis Schmerz-Therapie in Bad Reichenhall ein Jahr lang mehr oder weniger anhören mustten, dass wir Piraten spinnen, sehen wir diese Pressemeldung als Triumph.

Zur Vorgeschichte:

Ein Piraten-Crew hat sich seit Jahresbeginn 2014 mit diesem Thema im Zusammenhang mit unserer Kurstadt befasst. Unsere Stadt ist geprägt durch ihren Kurbetrieb, dabei steht für viele Patienten die Behandlung ihrer chronischen Schmerzen im Fokus. In diesem Zusammenhang könnte die Hanfpflanze als Heilkraut eigentlich eine große Rolle spielen. Ihr Wirkstoff THC ist bereits in unserer Muttermilch enthalten und anders als Alkohol und Nikotin nicht als Gift einzustufen. Das muss man allerdings schon mal „wissen“. Wenn wir Cannabis hören, hören wir Rauschgift  und wir fragen uns, warum sollte man ein weiteres Suchtmittel verfügbar machen? Eine vernünftige Bewertung erfordert eine umfänglichere Auseinadersetzung, eine Befreiung von stereotypen Meinungen zu Rauschgiften  und ihrem Suchtpotenzial sowie eine sachliche Bewertung verschiedener Argumente – mit überraschenden Resultaten.  Aus dem Bauch raus, in Orientierung an allgemeinen moralischen und politischen Prämissen, erreichen wir keine sachgerechte Lösung.

Auf diesem Hintergrund entstand die Idee, Cannabis mit seiner medizinischen Implikationen darauf zu untersuchen, ob es in unserer Kurstadt eine Bedeutung haben könnte – in der ja auch ein erheblicher Teil Schmerzpatienten betreut wird.

Wir gingen systematisch vor und planten die Befragung unserer Kliniken und Ärzte. Schon nach wenigen Kontakten sahen wir, dass eine repräsentative Befragung überflüssig sein würde: Alle Ärzte sprachen mit Verweis auf ihren Umgang mit den Patienten, dass hier ein wichtiges und dringliches Problem vorliege. Viele Patienten versorgten sich mit Cannabis und wären damit zufrieden.

Auf eine Schreiben an vermutlich betroffene Stellen (Ärzte, Fraktionen, Verwaltungen, Behörden) reagierte nur das Landratsamt spontan mit der Information, das sei alles verboten.

Die Wirtschaftsförderung des Landkreises BGL unter Leitung von Dr. Birner  sieht es offensichtilch als ihre Aufgabe, innovativen Vorschlägen systematisch und auch gerade dann unterstützend nachzugehen, wenn sie unkonventionell beginnen. Jedenfalls nahm Dr. Birner Kontakt mit von dem Thema berührten Firmen, Unternehmen und Ärzten auf. In der letzten Gruppe mit demselben Ergebnis: ungeteilte Unterstützung der weltweiten Liberalisierungsdiskussion. Insgesamt allerdings mit dem Vorbehalt, damit nicht ohne weiteres an die Öffentlichkeit treten zu wollen.

Das ist nun der Stand der Dinge: Einerseits das Verbot, die Kriminalisierung – zu tiefst verankert im moralischen Empfinden von allen Bürgern und wie in allen moralischen Themen  vor allem den öffentlichen Repräsentanten nach außen vertreten – auf der anderen Seite die Realität: die konkreten Chancen von Hanf aus derSicht von Praktikern und auch der millionenhafte Einsatz, jedoch in der Öffentichkeite tabuisiert, kriminalisiert. Wir Piraten versuchen bis spätestens Herbst durch Öffentlichkeitsarbeit, Arbeitskreise eine Tagung vorzubereiten, in der Informationen zum Einsatz dieser Droge, auch für Bedürftige zu deren Beschaffung gesammelt und verbreitet werden.

Der CSU-Beschluss (siehe unten) könnte nächste Schritte einleiten.

Wenn man sich dem Problem annähert, in dem man sich  sich im Kreis der betroffener Patienten (12,7 Millionen in Deutschland) und deren  Ärzten und Angehörigen etwas umhört,  könnte man für die Profilierung einer Kurstadt mit diesem Thema durchaus etwas abgewinnen. Das „Kuren mit Cannabis unter ärztlicher Obhut“ hätte gegenüber unspezifischen verbal aufgeblähten Marketingparolen im Umfeld von „Wellness“ sicherlich mehr Handfestigkeit und in der Zielgruppe möglicher Kurgäste mehr Überzeugungskraft, sicherlich auch mit einer messbaren Zunahme an Kurauftenhalten.

Auch wir Piraten mussten einige Vorurteile überwinden. Festzuhalten ist jedenfalls: Die medizinisch wertvolle (wenn auch umstrittene) Hanf-Pflanze mag vielleicht nicht ungefährlich sein, aber im Verhältnis zu anderen pharmazeutischen Produkten  und auch legalen Drogen, vor allem Alkohol, ist sie harmlos, dafür aber nützlich im Kampf gegen vielerlei Schmerzen und Erregungspotenzialen. 

Die Hanfpflanze ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit in deutschen Arzneibüchern und Hausapotheken. Die medizinischen Eigenschaften des Hanfs waren überall auf der Welt seit Jahrtausenden bekannt, im antiken China, im Römischen Reich. Auch für die Ärzte des Mittelalters wie Paracelsus oder Hildegard von Bingen war Hanf zur Lösung von Krämpfen, Linderung von Schmerzen und vielen weiteren Indikationen stets erste Wahl. Die mit dem Scheitern der Alkoholprohibiton Anfang der 1930er Jahre in den USA als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Kontrollbehörden inszenierte Kampagne gegen das „Mörderkraut Marihuana“ sowie gleichlaufende Machenschaften der amerikanischen Tabakindustrie leisteten dann allerdings ganze Arbeit – das medizinisch-pharmazeutische Wissen verschwand von nun an aus sämtlichen Lehrbüchern.

Gegenwärtig zeichnet sich global ab, dass sich der Umgang mit Cannabis liberalisiert und es in der Medizin wieder eine viel größere Rolle spielen könnte als es im Licht der Prohibitionspolitik in der Nachkriegszeit möglich erschien. Dabei ist nicht nur an die Alternative mit teuren vom Pharmaziemarkt beherrschten verschreibbaren Produkte zu denken.

Unabhängig von Details zur tatsächlichen Verfügbarkeit von Cannabisprodukten erhalten wir jede Woche neue Nachrichten von Ländern, die sich mit der Liberalisierung von Cannabis beschäftigen. Neben staatsrechtlichen Überlegungen, die von 122 deutschen Rechtsprofessoren vorgetragen wurden, scheinen wirtschaftliche Überlegungen für die Politik ausschlaggebende Antreiber zu werden.

In der Diskussion ist auseinander zu halten:

Cannabis als Basis für Medikamente. Es gibt solche, sie sind aber teuer. 700 Euro kostet eine Packung des THC-Präparats Sativex. Marihuana mit gleicher Wirkung kostet 50. Ingesamt fehlen fehlen Studien. Die sind unerwünscht, weil das Medikament so teuer ist, kaum Anwender hat … – Jedenfalls sind inzwischen Morphine als Medikament weit verbreitet, kaum jemand denkt bei der Verordnung an Sucht. Wäre so etwas für Cannabis auch vorstellbar? Daneben gibt es dann natürlich die grundsätzlichere weltweite Diskussion zur Liberalisierung und das Suchtpotenzial von Cannabis.

Es wäre also Eile geboten, wenn sich die Stadt diese Entwicklungen zu nutze machen will.  Wir gehen der Frage nach, ob die Entscheider in der Stadt das wollen, und beschäftigen uns natürlich auch damit, ob sie wissen, worum es hier eigentlich geht.  Vermutlich ist es aber wieder mal zu spät.

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